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Gottes Gnade ist größer als jede menschliche Schuld

 

Am Sonntag, dem 26. Juli, besuchte Bischof Jens Eberle die Gemeinde Neukirchen-Vluyn. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand das Wort aus Matthäus 6,12: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Dieses Bibelwort wurde im Rahmen der Predigtreihe zum Vaterunser vertieft und bildete den roten Faden des gesamten Gottesdienstes.

Gott begegnen und neue Kraft empfangen

Zu Beginn begrüßte der Bischof die Gemeinde herzlich und betonte die Freude über die gemeinsame Begegnung im Gottesdienst. Er erinnerte daran, dass es der Auftrag der Kirche sei, Gott zu loben und ihm gemeinsam Ehre zu bringen. Damit dies gelingen könne, sei es notwendig, die Sorgen und Belastungen des Alltags für eine Zeit zurückzustellen und sich bewusst auf Gott auszurichten.

Dabei griff er die Worte des Apostels Paulus auf:

„Ich vergesse, was dahinten liegt, und strecke mich aus nach dem, was vorne liegt.“

Jeder Mensch trage sein persönliches „Päckchen“, doch gerade im Gottesdienst schenke Gott Trost, neue Kraft und Hoffnung.

Psalm 73 – Anfechtung und Trost

Als Einstieg in die Predigt nahm Bischof Eberle Gedanken aus Psalm 73 auf. Asaf schildert dort seinen inneren Kampf: Er bemüht sich um ein gottgefälliges Leben und sieht gleichzeitig Menschen, die ohne Gott leben und dennoch scheinbar erfolgreich und sorglos sind. Diese Erfahrung brachte ihn beinahe zum Straucheln.

Die Wende kam, als Asaf das Heiligtum Gottes betrat. Dort gewann er eine neue Sichtweise und erkannte:

  • Gott kennt die Nöte seiner Kinder.
  • Gott schenkt Trost in schwierigen Lebenslagen.
  • Wer sich an Gott hält, findet Halt, selbst wenn Leib und Seele verschmachten.

Der Bischof übertrug diese Erfahrung auf den Gottesdienst heute: Auch wir kommen ins Haus Gottes, hören sein Wort, erleben die Gemeinschaft der Geschwister und erfahren den Trost des Heiligen Geistes.

„Vergib uns unsere Schuld“

Im Mittelpunkt der Predigt stand anschließend die fünfte Bitte des Vaterunsers.

Der Bischof erinnerte daran, dass Jesus seinen Jüngern das Beten lehrte und sie aufforderte, nicht öffentlich zur Schau gestellte Gebete zu sprechen, sondern im Verborgenen das Gespräch mit Gott zu suchen. Gott kenne bereits unsere Bedürfnisse und höre jedes aufrichtige Gebet.

Die Bitte: „Vergib uns unsere Schuld“ macht deutlich, dass jeder Mensch schuldig wird. Schuld entsteht aus der Sünde – aus Gedanken, Worten, Taten, aber auch aus unterlassener Liebe und unterlassenem Guten. Der Mensch trägt deshalb Schuld vor Gott und ist auf seine Vergebung angewiesen.

Die Bereitschaft zur Vergebung

Die göttliche Vergebung ist jedoch mit einer Aufforderung verbunden:

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Bischof Eberle machte deutlich, dass Vergeben häufig ein langer und schwieriger Prozess ist. Nicht jede Verletzung lässt sich sofort überwinden. Manche Erfahrungen wiegen so schwer, dass Vergebung menschlich kaum möglich erscheint.

Dennoch lädt Gott dazu ein, sich auf den Weg der Versöhnung zu machen. Jeder kleine Schritt zählt. Gott verlangt keine menschliche Überforderung, sondern begleitet seine Kinder mit seiner Kraft. Wer an Verletzungen festhält, bleibt oft selbst an den Täter gebunden. Vergebung hingegen befreit das eigene Herz.

Sünde und Schuld

Der Bischof unterschied zwischen Sünde und Schuld.

Sünde bleibt immer Sünde, weil sie dem Willen Gottes widerspricht. Die Schuld dagegen bewertet Gott unter Berücksichtigung der persönlichen Situation des Menschen.

An einem Beispiel machte er dies deutlich: Der Diebstahl eines Luxusartikels bleibt ebenso Sünde wie der Diebstahl eines Brotes. Dennoch beurteilt Gott die persönliche Situation unterschiedlich und begegnet jedem Menschen mit Liebe und Barmherzigkeit. Deshalb bleibt die Bitte um Vergebung immer notwendig. Zur echten Umkehr gehören: ehrliche Reue, der Wunsch, Fehler künftig zu vermeiden, sowie – soweit möglich – die Wiedergutmachung entstandenen Schadens.

Das Gleichnis vom Schalksknecht

Ein weiterer Schwerpunkt war das Gleichnis vom Schalksknecht.

Der Knecht erhielt vom König eine unvorstellbar große Schuld vollständig erlassen. Kurz darauf begegnete er jedoch einem Mitknecht, der ihm einen vergleichsweisen geringen Betrag schuldete. Statt selbst barmherzig zu handeln, ging er hart und gewaltsam gegen ihn vor. Der Bischof machte deutlich: Wer selbst Gottes unermessliche Vergebung erfahren hat, ist aufgerufen, auch anderen Barmherzigkeit entgegenzubringen. Gerade in den Gemeinden dürften Kleinigkeiten und persönliche Verletzungen nicht zu dauerhaften Trennungen führen.

Siebzig mal siebenmal vergeben

Auch die Frage des Petrus griff der Bischof auf: „Wie oft soll ich meinem Bruder vergeben? Reicht siebenmal?“ Jesu Antwort: „Nicht siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal.“

Diese Worte seien eine große Herausforderung. Gerade wiederkehrende Verletzungen schmerzen besonders. Doch Gott schenkt die Kraft, immer wieder neu den Weg der Vergebung zu suchen.

Gedanken aus der Co-Predigt

Priester Rüdiger vertiefte die Predigt anhand des Gleichnisses vom Schalksknecht.

Er machte deutlich, dass dessen Schuld so gewaltig war, dass sie in einem Menschenleben niemals hätte zurückgezahlt werden können. Gerade daran werde die unermessliche Größe der göttlichen Gnade sichtbar.

Er erinnerte außerdem daran, dass auch unterlassene Wertschätzung Sünde sein kann. Wer einem Menschen Liebe, Anerkennung oder Dank schuldig bleibt, verfehlt ebenfalls Gottes Willen.

Besonders hob er die Formulierung des Vaterunsers hervor: „Vergib uns unsere Schuld.“ Nicht „vergib mir“, sondern „vergib uns“. Damit werde deutlich, dass Christen für einander beten. Jeder trägt den anderen im Gebet mit. Wer selbst vielleicht noch nicht vergeben kann, darf darauf vertrauen, dass die Gemeinde ihn mitträgt.

Versöhnung ist ein schönes Ziel, aber nicht immer vollständig möglich. Gerade nach schwerer Gewalt oder tiefen Verletzungen kann Abstand notwendig sein. Auch in solchen Situationen begleitet Gott seine Kinder und schenkt ihnen seinen Beistand.

Bezirksevangelist Storck bereitete die Gemeinde auf den Empfang des Heiligen Abendmahls vor und lenkte den Blick auf die Gemeinschaft mit Christus sowie auf die Bereitschaft zur inneren Reinigung und Versöhnung.

Abschluss

Bischof Jens Eberle schloss den Gottesdienst mit der Sündenvergebung, der Feier des Heiligen Abendmahls und dem Schlusssegen.

27. Juli 2026
Text: Norbert Zielinski
Fotos: Kirsten Silber, Norbert Zielinski

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