Co-Abhängigkeit….. und was macht das mit unseren Kindern?
Kinder sind im Familiensystem immer die schwächsten Mitglieder. Ihre Ausdrucks-möglichkeiten sind – je nach Alter – begrenzt und ihre Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt oder gehemmt, wenn ein Elternteil süchtig ist.
Aber: auch Kinder suchtkranker Eltern lieben ihre Eltern und schützen sie. Die Kinder leiden an Schuldgefühlen, sind oft einsam und übernehmen häufig viel zu früh einen großen Teil an Verantwortung. Sie bemühen sich mit allen Kräften, das Suchtproblem der Eltern zu lösen – Kinder wissen nicht, dass ihre Bemühungen scheitern werden. Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um die Familie zusammen zu halten, denn auch die Kinder suchtkranker Eltern wollen stolz auf ihre Eltern sein.
In einer Familie mit einem – elterlichen – Suchtproblem dreht sich alles um den Süchtigen. Der Süchtige konzentriert all seine Aufmerksamkeit und Energie auf die Befriedigung seiner Sucht. Der (Ehe-) Partner richtet all seine Energie und Aufmerksamkeit wiederum auf den Süchtigen.
Somit hat das Suchtproblem einer einzigen Person Auswirkung auf die ganze Familie, kein Familienmitglied kann sich dem entziehen, am wenigsten die Kinder. Für sie bedeutet dies: Es bleibt für sie kaum Zeit, Zuwendung und wirkliche Aufmerksamkeit übrig. Vielmehr müssen sie schon früh mit Enttäuschungen, nicht eingelösten Versprechungen und oftmals willkürlichem, widersprüchlichen Verhalten des suchtkranken Elternteils zurechtkommen. Enttäuschte Hoffnungen auf eine baldige Besserung der gesamten Situation gehören zum kindlichen Alltag.
Damit sie in so einem Familiensuchtsystem überleben können, übernehmen sie unbewußt bestimmte Rollen und Aufgaben. Dadurch haben sie einen gewissen Schutz und gewinnen ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit – und sei es negative.
Allerdings sind sie mit diesen Aufgaben häufig absolut überfordert und daher permanentem Stress ausgesetzt. Die Kinder erfüllen mit diesen Überlebensstrategien in hohem Maße auch die unbewussten Bedürfnisse ihrer Familie und stabilisieren damit das süchtige System.
Rollen in Familien als Überlebensstrategie
Für Kinder aus Suchtfamilien werden diese Verhaltensweisen als „Überlebensstrategie“ zum festen Bestandteil der Persönlichkeit, die meistens bis weit in das Erwachsenen-alter erhalten bleiben. An die Kinder werden als „Rollenträger“ bestimmte Erwartungen, Forderungen (oft unausgesprochen) und Gefühle geknüpft, die der Suchtkranke selbst nicht mehr erfüllen kann. Dabei werden nicht nur Aufgaben des täglichen Lebens wie Essen kochen, Geschwister versorgen, Einkäufe erledigen an die Kinder delegiert.
Vielmehr erhalten sie auch Botschaften von den Erwachsenen wie „Tröste mich!“, „Unterhalte uns!“, „Mach du uns nicht auch noch Kummer!“, „Leiste etwas, damit wir stolz auf dich sein können!“ – das bedeutet: den Kindern wird zusätzlich Verantwortung für das Gefühlsleben der Erwachsenen übertragen.
Diese Appelle werden in der Regel ohne Worte, nur durch Blicke und Gesten ausgesendet, die Kinder in der Regel wahrnehmen und ausführen.
Ohne fremde Hilfe können die meisten Kinder, selbst wenn sie schon erwachsen sind, diese erlernten Verhaltensmuster nicht mehr ablegen. Sie sind im Prinzip genauso abhängig von ihrer Rolle wie der Suchtkranke von der Flasche.
Allen diesen Rollen gemeinsam ist ein hohes Maß an Unehrlichkeit, Perfektionismus, Verleugnung, Kontrollverhalten und Selbstbezogenheit. Wie ein Kind letztlich auf diese Belastungssituation reagiert und welche Rolle (oder welche Rollenkombination) es wann annimmt, hängt zum Teil von seinem Geschlecht, Alter und dem Reifegrad seines Ichs sowie von seinem allgemeinen intellektuellen Stand ab. Die Übernahme dieser Rollen und Aufgaben beinhalten auch vielfältige positive Erfahrungen. Allerdings führen sie zu ungesunden Extremen, wenn dieses Rollenverhalten die einzige Überlebensstrategie bleibt.
Kinder suchtkranker Eltern…..
- werden in der Schule häufiger durch mangelnde Leistungen und unangemessenes Verhalten auffällig,
- erzielen numerisch geringere Leistungen im IQ-Test und beim sprachlichen Ausdrucksvermögen
- zeigen vermehrt Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen und eine Störung des Sozialverhaltens,
- zeigen mehr Ängste und depressive Symptome, insbesondere bei einer als belastend empfundenen häuslichen Atmosphäre,
- sind öfter sexuellem Missbrauch ausgesetzt,
- neigen eher zu somatischen und psychosomatischen Symptomen.
Zudem leiden Mädchen und junge Frauen alkoholkranker Eltern vermehrt unter Essstörungen, und als junge Erwachsene berichten Kinder suchtkranker Eltern häufig von Schwierigkeiten in engen, zwischenmenschlichen Beziehungen. Das kann dazu führen, dass wiederholt ungesunde Beziehungen eingegangen werden – zum Beispiel zu suchtgefährdeten oder anderweitig psychisch erkrankten Menschen.
Die Belastungen aus der Kindheit wirken sich oft erst im Erwachsenenalter zwischen 20 und 30 Jahren bzw. in Umbruchsituationen im Leben als psychische Spätfolgen aus. Einige Kinder suchtkranker Eltern wirken als Erwachsene irgendwie verhangen, beschwert und belastet, so dass man den Eindruck gewinnt, sie seien in ihrer Jugend zu kurz gekommen oder um ihre Kindheit betrogen worden.
Nicht alle Kinder leiden unter Auffälligkeiten – Stärken und Schutzfaktoren
Kinder und Jugendliche suchtkranker Eltern entwickeln sich nicht zwangsläufig in der beschriebenen Weise. Jedes Kind hat seine eigene Art, auf das Geschehen in der Familie zu reagieren. Zudem sind zahlreiche Faktoren bei der kindlichen Entwicklung von Bedeutung – wie zum Beispiel:
- wer trinkt (Mutter, Vater oder beide)?
- wer trinkt noch im Umfeld (Großeltern, Onkel….)?
- wann trat die Abhängigkeit auf? Wie lange wird schon getrunken? Welchen Verlauf hat die Abhängigkeit?
- Typ und Schweregrad der Abhängigkeit
- Alter der Kinder bei Chronifizierung der Suchterkrankung des Elternteils
- wie lange und wie haben die Kinder das Suchtgeschehen miterlebt?
- zusätzliche gesundheitliche Probleme bei den Eltern
- andere kritische Lebenslagen wie Trennung, Scheidung, Unfälle, Todesfälle, finanzielle Probleme.
Es gibt durchaus Kinder von suchtkranken Eltern, die trotz stressreicher und teilweise traumatisierender Lebenserfahrungen völlig oder weitgehend psychisch gesund geblieben sind.
Diese Kurzfassung ist angelehnt an die wissenschaftliche Arbeit der amerikanischen Familientherapeutin und Autorin Sharon Wegscheider
„Kinder von Suchtkranken Halt geben“
Ein Bericht der Selbsthilfegruppe der NAK am Niederrhein
Weitere Informationen zu diesem Thema:
Selbsthilfegruppe im Bezirk Niederrhein
Treffpunkt: Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr in der Gemeinde Kamp-Lintfort.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)
www.bzga.de
Tel.: 02 21 / 89 20 31
Al-Anon-Familiengruppen
Alateen, eine Selbsthilfegruppe speziell für Kinder und Jugendliche
www.al-anon.de
Tel.: 02 01 / 77 30 07
Literatur:
Die vergessenen Kinder – Kinder von Suchtkranken
Autorin: Ingrid Arenz- Greiving
ISBN: 3 – 89175 – 186 – 9
Wenn Eltern zu viel trinken
Autor: Martin Zobel
ISBN: 3- 88414 – 272 -0




